Ihr Leben beginnt am Horizont

Mein Horizont reichte noch exakt bis zur Tür meines Krankenzimmers. Neben mir der Tropf. Vorm Fenster ein Ausschnitt des schneebedeckten Heidelbergs. Und in meinem Kopf: Chaos.

So lag ich vor einigen Jahren im Krankenhaus, weil ein Schilddrüsentumor mich plötzlich aus meinem Leben gerissen hatte. Die Situation war schrecklich für mich, doch sie hatte ein Gutes: Ich dachte zum ersten Mal bewusst über mein Leben nach. Über das, was ich will und wohin ich möchte. Denn wenn uns eines fehlt, dann eine bewusste Richtung, in die wir im Leben gehen.

Ich muss da raus!

Denn wir lassen uns in vielen Fällen schlicht treiben. Wir ergreifen Gelegenheiten, wenn sie vorbeischwimmen. Wir packen sie am Schopf, wenn wir sie gerade geschickt erwischen. Das funktioniert, solange ausreichend Gelegenheiten vorhanden sind. Doch für jede, die wir ergreifen, verpassen wir vielleicht zwölf andere. Denn schlussendlich verfolgen wir keine bestimmte Richtung.

Auch ich hatte die längste Zeit meines Lebens einfach dem Lauf der Dinge überlassen. Meine Frau habe ich durch Zufall kennengelernt. Auch meine beruflichen Chancen haben sich „einfach so“ ergeben. Die Pause durch meinen Tumor zwang mich nun, zu hinterfragen: Welche Richtung will ich denn grundsätzlich einschlagen? Und mir war schnell klar: eine andere!

Ich war unzufrieden – mit meinem Job, meiner Branche, den gelebten (oder besser gesagt: nicht gelebten) Werten mancher Kollegen. Mein Wunsch nach Veränderung war in diesem Moment noch wenig konkret, aber ausreichend, um eine Tür zu schließen und die nächste aufzustoßen: Ich musste da raus!

Der Nomade in uns

Auch wenn es mir in diesem Moment noch nicht bewusst war: Ich hatte mir soeben einen neuen Horizont geschaffen. Eine neue Orientierung für mein Leben. Ich wusste zwar noch nicht ganz, was ich will. Das kam im Laufe der Zeit. Aber mir war zumindest schon mal klar, was ich NICHT will.

Heute bin ich zutiefst überzeugt, dass wir Menschen alle einen persönlichen Horizont brauchen. Eine Orientierung und selbstbestimmte Richtung im Leben. Das Bedürfnis liegt schon in unseren Genen verwurzelt, nach denen wir alle Nomaden und Wanderer sind, die sich im Leben stets am Horizont und an den Sternen orientierten.

Einen solch klaren Horizont zu haben, hilft uns auch heute, unsere Schritte zu lenken. Denn dann ist uns bewusst, auf was wir hinarbeiten: wer wir in der Zukunft sein wollen, wie wir leben wollen, was wir können oder lernen möchten, was wir erfahren wollen … Das gibt uns nicht nur Kraft, in diese Richtung aufzubrechen. Es ermöglicht uns auch, unsere Kompassnadel immer wieder neu auszurichten bei jeder Entscheidung, die wir treffen. Weil wir überprüfen können: Bringt mich diese Entscheidung näher an meinen Horizont?

Die Pizza am Horizont

In dieser Hinsicht ist ein Horizont für mich jeglicher Art von Zielsetzung überlegen. Denn Ziele sind schwarz-weiß – Sie erfüllen sie oder eben nicht. Sie hören mit dem Rauchen auf – oder Sie versagen. Sie werden nach zwei Jahren befördert – oder Ihr Chef übersieht Sie. Der Horizont beinhaltet hingegen nicht nur ein Ziel, sondern viele Ziele. Ist umfassender. Integriert verschiedene Lebensbereiche. Und er bricht nicht zusammen, wenn es bei einem Ziel mal nicht gleich auf Anhieb klappt. Denn wenn wir uns beispielsweise ein vitales Leben an unseren Horizont malen, dann gehört sicher dazu, dass wir uns gesund ernähren. Doch der Horizont schließt eben auch ein, dass wir das Leben genießen wollen und uns auch mal einen schönen Abend bei Pizza und Wein gönnen.

Das Schönste überhaupt für mich am Horizont ist ohnehin, dass er sich im Vergleich zu einem starren Ziel stets weiterentwickelt. Mir ist zum Beispiel an meinem privaten Horizont sehr wichtig, ein guter Ehemann zu sein. Allein die Tatsache, dass dies in meinem Horizont steht, erinnert mich daran, an mir und meinem Verhalten zu arbeiten. Hält mich fokussiert. So suche ich mir gerne auch Inspiration im Alltag. Immer wenn ich in der Stadt ein altes Pärchen Hand in Hand herumspazieren sehe, weiß ich, dass dies ein Zukunftsbild ist, für das ich etwas tun will. Denn meine banalste Erkenntnis für mein Eheglück ist, dass eine Ehe gemeinsam verbrachte Zeit braucht. Damit auch ich mit meiner Frau zusammen bin, bis dass der Tod uns scheidet.

Eine wundervolle Reise

Sie sehen: Unser Horizont wächst mit uns. Wir erreichen ihn schließlich auch nie, sondern schreiten stets nur bestmöglich darauf zu. Und das ist gut so.

Ich wünsche jedem, dass er auch mit siebzig oder achtzig Jahren noch einen Horizont hat. Dass der anders aussieht als mit 35 – keine Frage! Aber da dürfen Sie sich ganz an meine Lieblingsband Aerosmith halten, die in einem ihrer Hits singt:

Life’s a journey, not a destination.

Eine Reise, kein Ziel. Eine Reise Richtung Horizont.