Von neugierigen Hyänen und agilen Zugfahrern

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„Was gibt’s Neues?“

Diese Frage hören und stellen wir zigmal am Tag. Hinter dieser scheinbar oberflächlichen Frage steckt vor allem eins: Neugier. 

Es ist wohl eine natürliche Eigenschaft des Menschen, immer wissen zu wollen, was es Neues gibt. Kaum ist ein mutmaßlicher Trend identifiziert, rennen wir hinterher – mit Scheuklappen. Denn vor lauter Gier nach Neuem vergessen wir zu überprüfen, ob uns das Neue überhaupt weiterbringt.  

Wie hungrige Hyänen

Dieses Phänomen lässt sich in nahezu jedem Lebensbereich erkennen. Uns interessieren die neuesten Entwicklungen in unserem Umfeld – was für ein neues Auto hat der Nachbar? Wir müssen unbedingt als Erstes wissen, was der neueste Trendsport ist, welche Trends die Mode bestimmen, was die neuesten Produkte auf dem Markt versprechen und schleunigst her mit der neuesten Managementmethode! 

Der Mensch ist eben von Natur aus neugierig. Das ist prinzipiell auch nichts Schlechtes, denn diese Eigenschaft spricht für Offenheit gegenüber Neuem, für einen Forscher- und Entdeckerdrang, der uns Menschen wahnsinnig tolle Dinge hervorbringen lässt. Neugier ist die Voraussetzung für Kreativität, Innovation und Fortschritt. 

Neugier beinhaltet aber eben auch, wie der Begriff schon sagt, eine Form von Gier. Und Gier ist unstillbar. Gier ist kompromisslos. Gier ist gnadenlos. Wenn der Mensch gierig auf Neues ist, dann schnüffelt er wie eine hungrige Hyäne an allem, was frisch auf den Markt kommt. Die unstillbare Sehnsucht treibt ihn von Trend zu Trend.

Ab auf den Zug

Sie werden jetzt vielleicht verständnislos den Kopf schütteln und sich denken: „Natürlich will ich wissen, was die neuesten Trends sind! Sollte sich herausstellen, dass etwas erfolgreich ist, will ich ja nicht der Letzte sein, der davon weiß.“ Außerdem ändert sich in der heutigen Zeit vieles so schnell, dass wir das Gefühl bekommen, dranbleiben zu müssen – ob das nun im Job, in der Produktentwicklung oder im Modebereich ist. Nicht dass die anderen das Neueste vor Ihnen kennen!

Kann ich teilweise noch nachvollziehen, aber überlegen Sie mal ganz ehrlich: Sind Sie fokussiert neugierig?

Ob in der Gesellschaft oder der Wirtschaft, immer wieder erlebe ich, dass jedem Trend, der auch nur im Entferntesten einen Mehrwert verspricht, ohne jeglichen Fokus hinterhergerannt wird. Das sehe ich momentan im Business ganz deutlich. Alle reden von „agilen Methoden“. Jedes Unternehmen will agiler werden. Wenn ich dann nachfrage, wofür diese agilen Methoden denn gebraucht werden, bekomme ich von den Führungskräften meist keine spezifische Antwort. Kaum jemand hat sich darüber Gedanken gemacht, ob diese Methoden für sie überhaupt sinnvoll sind! Egal, Hauptsache sie sind agil – sind die anderen schließlich auch … Sie springen auf den Zug auf, weil der Zug halt gerade vorbeifährt. Ohne Fokus!

Was bringt mir das?

Das Schlimme ist: Wir sind teilweise selbst schuld an diesem Verhalten. Immer und immer wieder lassen wir es zu: das Diktat der Neugier, das uns ständig in eine unstillbare Sehnsucht treibt. Dieser Drang nach neuen Trends macht uns blind für die Wahrheit. Nämlich dass die Wirtschaft nichts anderes macht, als alten Wein in neue Schläuche zu füllen. Denen fällt doch auch nicht im Dauertakt etwas Neues ein! Schauen Sie sich doch nur mal die Modebranche an. Da werden die Trends von vor 30 oder 40 Jahren einfach wieder aufgegriffen und als der Trend 2017 verkauft.

Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft trotz der Neuheitenflut den Fokus behält und sich immer erst fragt, was das Neue wem bringt. Statt gierig jedem Trend hinterherzurennen, ist fokussierte Neugier angebracht. Fokussiert im Sinne von reflektiert. Weniger Gier, weniger Diktat – dafür mehr Fokus auf Relevanz und Mehrwert. Das würde nicht nur unserer Wirtschaft guttun, sondern uns auch als Gesellschaft nach vorne bringen.