Respekt im Büro

Das Klima in deutschen Unternehmen ist vielerorts schlecht. Nur 15 Prozent der Mitarbeiter gaben bei einer Umfrage an, dass sie in ihrem Job zufrieden sind. Die Ursache dafür ist oft mangelnder Respekt voreinander.

„Eigentlich läuft alles gut. Wenn da nicht die zwischenmenschlichen Herausforderungen wären“, seufzen Führungskräfte beim Mittelständler wie beim DAX-Konzern. Und da ist eine Menge dran. Das zeigt der tagtägliche Flurfunk in den Unternehmen. Oder Untersuchungen wie aus dem Hause Gallup: demnach sind nur rund 15 Prozent der Mitarbeiter emotional wirklich zufrieden mit ihrem Job. Grund für die Unzufriedenheit des großen Rests: mangelnder Respekt.

Karriereleiter hoch

Wenn es die Karriereleiter hoch geht, verändert sich das Verhalten der Menschen. Die Egos werden stärker, der Mut nimmt zu und der Spaß am Risiko wächst. „Der Laden läuft wegen mir“, sind dann oft gehörte Zitate in unserem Gespräch mit Führungskräften. Das Gespräch mit den Mitarbeitern bringt jedoch etwas anderes ans Licht: „Der Laden läuft trotz dieses Typen“.

Dieses Phänomen ist bekannt. Die Psychologie nennt es kognitive Dissonanz. Man nimmt dann die Realität so wahr, wie man sie sehen will. Und diese Eigenschaft finden wir ziemlich häufig bei Menschen auf den höheren Stufen der Karriereleiter. Das wollen sie meistens nicht hören. Sollten sie jedoch, denn die verzerrte Wahrnehmung ist Glückund Leid zugleich.

Glück und Leid zugleich

Glück, weil gerade diese verzerrte Wahrnehmung einer der Ursachen für ihren Erfolg ist. Denn wären sie das Gegenteil – ein Realist – würden sie vor lauter Risiken wahrscheinlich erst gar kein Projekt in Angriff nehmen. Doch da sie die Welt mit anderen Augen sehen, suchen sie die Herausforderung, gehen höhere Risiken ein und treffen schwierige Entscheidungen.

Leid, weil genau diese Stärke zu einer hemmenden Schwäche werden, wenn es darum geht, das eigene Verhalten kritisch zu hinterfragen oder gar zu ändern. Denn das Ego lässt das Feedback von außen meist gar nicht zu. Es wird in einer der drei Stufen ausgebremst: Erstens, es wird angenommen, dass der andere eine eingetrübte Wahrnehmung hat. Zweitens, es wird erklärt, warum man selber recht hat und der andere nicht. Drittens, wenn die beiden vorherigen Strategien nicht funktionieren, wird zum Gegenangriff übergegangen.

So funktioniert Respekt

Es gibt einen Weg, über den Respekt auf keinen Fall funktioniert: nämlich mit Macht. Dieser Weg erscheint leichter und schneller zu sein. Und viele Führungskräfte gehen diesen Weg oft sogar unbewusst. Denn sie tragen automatisch das Zepter der Macht, das drei Zacken hat: Jemand ist verantwortlich für die Zahlung des Gehalts. Jemand bestimmt über die Auszahlung von Bonus bzw. die Vergabe einer Beförderung. Jemand entscheidet über eine mögliche Entlassung. Und das verändert das Zusammenspiel von Chef und Mitarbeiter spürbar.

Natürlich kann man von seinen Mitarbeitern verlangen: „Ich bin so wie ich bin – und das ist gut so. Entweder kommt meine Umwelt mit mir klar. Oder sie lässt es bleiben.“ Eine typische Haltung eines gesunden Egos. Es erwartet, dass sich die anderen anpassen. Die Frage ist jedoch, wie weit man damit in einer Zeit von globalem Wettbewerb und dem immer härter werdenden Ringen um qualifizierte Mitarbeiter kommt.

Ein paar Fragen zum Nachdenken:

  • Von wem bekommen Sie ehrliches Feedback? Bekommen Sie (negative) Kritik, wenn sie angebracht wäre? Oder ist es eher nur noch der Kalender, der Ihnen die uneingeschränkte Wahrheit sagt?
  • Werden Ihre Vorschläge wirklich nur als Ideen angesehen? Oder nehmen Ihre Mitarbeiter Ihre Ideen eher als Befehle auf?
  • Wie viel bekommen Sie von der „Front“ mit? Sind Sie nah dran – oder wird die Distanz mit zunehmenden Schritten auf der Karriereleiter größer?

Wenn Sie als Führungskraft beginnen, den Schlüssel zum Respekt bei sich selbst zu suchen, hat das zwei Vorteile. Zum einen ist das leichter. Denn Sie können sich selbst beeinflussen oder verändern – und haben somit die Möglichkeit, eine Verbesserung aktiv zu gestalten. Zum anderen haben Sie ein viel besseres Gefühl. Denn Sie sind nicht abhängig davon, dass sich die Mitarbeiter „endlich an die Nase packen und an sich arbeiten“. Aktives Gestalten macht eben mehr Spaß als Opfer zu sein.