Chefs fordern Teamgeist – und belohnen das Gegenteil

Chefs fordern Teamgeist – und belohnen das Gegenteil

„Wir müssen mehr als Team zusammenarbeiten.“ Diesen Satz höre ich in jedem Unternehmen, in dem ich als Sparringspartner oder Redner unterwegs bin. Hinter diesen leeren Floskeln sieht die Realität anders aus. Dort wird Zusammenarbeit von der Führung weder konsequent eingefordert noch belohnt.

Ein Beispiel aus dem Vertrieb: Die Verkäufer werden über Umsatzziele gesteuert. Einer von ihnen verspricht Kunden regelmäßig mehr, als das Unternehmen ohne Weiteres liefern kann. Abgestimmt hat er nichts. Er erreicht zwar sein Ziel. Aber die Kollegen in Auftragsabwicklung, Produktion und Service müssen sehen, wie sie seine Versprechen einlösen. Er bekommt den Bonus, die anderen haben den Ärger. Beim nächsten Treffen fordert die Geschäftsführung mehr Teamgeist.

Der Verkäufer gilt im Unternehmen als Leistungsträger. Schließlich bringt er Umsatz und hält das Unternehmen am Leben. Aber seine nackten Zahlen zeigen nur einen Teil der Leistung. Die zusätzlichen Kosten und den Ärger seiner Versprechen tragen andere. Wer seinen eigenen Erfolg auf Kosten der Kollegen erzielt, wird seiner Verantwortung als Leistungsträger nicht gerecht.

Der Verkäufer handelt dabei nicht unvernünftig. Er tut genau das, wofür er bezahlt wird. Das Problem ist eine Führung, die das eine predigt und das andere bezahlt.

Ein gemeinsames Logo macht noch kein Team

Unternehmen sind Zweckgemeinschaften. Menschen arbeiten zusammen, um etwas zu erreichen, das keiner allein schafft. Dafür brauchen sie ein Ziel und Klarheit über den Beitrag jedes Einzelnen. Sie müssen sich nicht mögen. Aber sie müssen sich aufeinander verlassen können.

Genau dort wird es unbequem. Wer seine Zusagen nicht hält, Informationen zurückhält oder Probleme einfach auf die nächste Abteilung abwälzt, belastet die Zusammenarbeit. Jeden Tag ein Stück mehr.

Harmonie ist kein Teamgeist

Ein starkes Team ist kein Kuschelkreis. Es braucht Streit in der Sache. Probleme gehören auf den Tisch, auch wenn es ungemütlich wird.

Wer solche Konflikte vermeidet, mag kurzfristig die Stimmung schonen. Aber er lässt dafür diejenigen im Stich, die den Ärger auffangen. Wenn Verlässlichkeit freiwillig wird, zahlen die Verlässlichen die Rechnung. Irgendwann hören sie auf zu zahlen. Dann machen sie Dienst nach Vorschrift, oder sie gehen.

Nicht jedes Fehlverhalten im Sinne des großen Ganzen ist Gleichgültigkeit. Vielleicht fehlen Kapazität, Abstimmung oder eine klare Priorität. Führung heißt, das herauszufinden und zu lösen. Und Führung heißt auch, Konsequenzen zu ziehen, wenn jemand trotz klarer Absprachen und Unterstützung dauerhaft nicht mitzieht.

Es beginnt an der Spitze

Der Maßstab gilt zuerst im Führungsteam. Wer dort Zusagen unterläuft oder seinen Bereich auf Kosten anderer optimiert, muss sich über Silodenken weiter unten nicht wundern. Mitarbeiter orientieren sich nicht an Leitbildern. Sie achten darauf, was oben gelebt wird und welches Verhalten durchgeht.

Doch Klarheit braucht Mut. Den eigenen Umsatzkönig zur Rede zu stellen, verlangt mehr als der zahnlose Appell “Wir brauchen mehr Teamgeist”. Wer diesen Mut nicht aufbringt, sendet eine klare Botschaft: Zahlen sind wichtiger als die Qualität der Zusammenarbeit.

Wer es ernst meint, passt auch das Anreizsystem so an, dass es richtig wirkt. Boni sollen das gewünschte Verhalten verstärken. Für unser Vertriebsbeispiel gilt dann: Neben dem Umsatz zählt, ob der Verkäufer umsetzbare Zusagen macht und notwendige Abstimmungen einhält. Verkäufer bezeichnen das zwar gerne als “Bürokratie”. Es ist jedoch Respekt vor der Arbeit der Kollegen.

Drei Fragen statt einer Motivationsrede

Teamgeist braucht drei klare Antworten:

  • Welches gemeinsame Ergebnis wollen wir erreichen?

  • Welche Zusagen gelten zwischen uns?

  • Was passiert, wenn wir sie nicht halten?

Vertrauen entsteht, wenn Menschen erleben, dass diese Antworten im Alltag verbindlich gelten. Für alle, auch für die Führung und auch für den besten Verkäufer.

Bevor Sie also mehr Teamgeist fordern, prüfen Sie, welches Verhalten bei Ihnen belohnt wird. Solange der Einzelkämpfer den Bonus kassiert und die Verlässlichen seine Rechnung bezahlen, können Sie sich die nächste Motivationsrede über Teamgeist sparen.


Mehr dazu?

In meinem Buch “Führung stirbt nicht” zeige ich auf, was starke Führungskräfte auszeichnet: Wirksamkeit.

Weiter
Weiter

Superreichensteuer: Wer mehr fordert, muss besser führen